ghardaia

Vor uns liegen die fünf Oasen der M‘Zabiten. Unten in der Mitte Beni-Isguen, eine kubische Spiegelung aus Weiß, Sandbraun und Himmelblau. Dahinter rechts die Oase Melika und im Hintergrund Ghardaïa, der größte Ort, nach dem sich die ganze Region benennt. Der Fluss, welcher dieses Tal geschaffen hat, führt, wenn überhaupt, nur einmal im Jahr für kurze Zeit Wasser. Der Grundwasserspiegel liegt aber so hoch, dass man mit den Brunnen zum lebensnotwendigen Nass gelangt.

Geschichte der Mozabiten
Der dritte Kalif nach dem Propheten Mohammed, Othman, wurde ermordet. Mu’awiya wollte diese Tat im Jahre 656 rächen und zwang Ali, den Schwiegersohn des Propheten und vierten Kalifen, sich einem Schiedsspruch zu unterwerfen. Dies wurde aber von Ali abgelehnt und als Verrat gegenüber Gott, dem einzigen Richter, bezeichnet. Die Gruppe der Ibaditen entstand. Nach der Ermordung Alis im Jahre 661 führte ein persischer Heerführer die Ibaditen ins Exil nach Nordafrika. Nach einem ersten Aufenthalt in Tiaret, Tunesien, mussten sie weiter nach Sedrata. (Siehe Ouargla S. xx). Die Überlebenden flüchteten in die Tiefe eines Tales in der unfruchtbaren Wüste im M’Zab, wo wir uns heute befinden.
El Ateuf wurde als erste Oase im Jahre 1011 gegründet. Erst 500 Jahre nahm sie das heutige Aussehen einer Festung an. Die anderen Orte wurden mit dem einwandern von weiteren Mozabiten gegründet. Bou Noura war die zweite Stadt. 1048 entstand Ghardaïa (Die Grotte der Daïa, Mädchenname). Melika, die Königin, nahm die beherrschende Stellung der Oasen ein. Erst 300 Jahre später wurde die fünfte Oase, Beni-Isguen, die Fromme, gegründet. Der Rahmen und der Lebensstil aller Oasen sind gleich. Alles, Sitten, Verfahren, Architektur, ist einer Ordnung unterworfen und diese stammt direkt von Allah, Gott, ab.
Die Oasen wurden sorgfältig gepflegt und dank einem durchdachten Bewässerungssystem wurde aus der Wüste fruchtbares Land. Doch bald genügten die Erträge nicht mehr, um die ganze Gemeinschaft zu ernähren. Die Bewohner wandten sich dem Handel zu. Einige wanderten aus in die Städte Nordalgeriens, Tunesiens und Marokkos. Sie eröffneten Läden und erwarben den Ruf ehrliche, sparsame und gewandte Händler zu sein. Die Auswanderer wollten möglichst schnell zu Vermögen kommen, um die Familie, das Haus und die Gärten der fernen Oase weiterhin zu unterstützen. Es ist noch nicht lange her, da war es für die Männer verboten mit ihren Frauen aus der Oase zu ziehen. Damit zwang man die Männer zur Rückkehr, um ihre Kultur in der Heimat fortzusetzen.
Heute sind Flugzeuge, Teerstraßen mit Autos, Touristen, Radio und Fernsehen auch in diese Oasen vorgedrungen. Die Mozabiten, Junge und Alte, scheint dies aber nicht zu stören. Ihr Glaube ist Stärker und somit können sie die Einflüsse der modernen Welt akzeptieren. Vom Fremden erwartet man ein Minimum an Diskretion und Achtung gegenüber den Einwohnern und den Kultstätten.
 
Sein Garten ist für jeden Mozabiten eine Leidenschaft. Er gilt als ein Teil von sich selber. Mit Geduld, Disziplin und Opfer hat sich jeder ein Stück Paradies auf Erden erschaffen. Sandwege schlängeln sich unter den Schatten der Palmen und entlang der Lehmmauer durch die Gärten. Hinter den Mauern befinden sich die Anlagen mit Granatbäumen voller Früchten, Aprikosen- und andere Obstbäume, in denen am späten Nachmittag die Vögel lärmen. Feigenbäume und Gemüsebeete werden bewässert. Es riecht nach Yasmin und Rosen. Hinten in der Ecke, im Schatten eines Busches, steht ein Esel.
 
Im ganzen Tal ist das Wasser knapp. Nur wenige Tage im Jahr gibt es Regen. Trotzdem haben die Mozabiten nun fast 1000 Jahre hier überlebt. Das Gefühl der Solidarität, eine moralische Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft und der Glaube erlauben es, sich einer strengen Disziplin zu unterwerfen. Ob früher aus Brunnen geschöpft, heute über Wassertürme und Rohrsysteme verteilt, dass kostbare Nass wird unter allen Bewohnern nach alten Regeln aufgeteilt.
 
Einfache Regeln, die Reinheit der Linien, die Proportion von Mensch zum Wohnraum, die Knappheit der Mittel und vor allem die Funktionalität bestimmen die Architektur der Oasen. Man findet in der ganzen Pentapolis keine überragenden Gebäude. Sogar die Moschee weist keine strukturellen oder ornamentalen Unterschiede zum gewöhnlichen Wohnhaus auf. Man findet keine Paläste. Dennoch sind diese Städte von einzigartiger Schönheit, von einzigartiger Schlichtheit, dass noch heute namhafte Architekten neue Inspirationen in ihnen holen.
In Ghardaïa befindet sich das Musée M’Zab. Das Museum zeigt das Innere eines mozabitischen Hauses mit Möbel, Gewebe, Teppiche und Gegenstände des täglichen Gebrauches. Der Place du Marché wird von Arkaden und Läden umsäumt. Ein idealer Treffpunkt bis spät in die Nacht. Im Verwaltungszentrum im Süden der Stadt befindet sich die Post, verschiedene Büros und Hotels. Das schönste ist aber, in den steilen Gassen, im Labyrinth der Wege herumzuschlendern. Von den verschiedenen Plateaus der Stadt hat man, je nach Tagesstunde, die verschiedensten Perspektiven und Lichteinflüsse auf die Häuser, die in Bou Isguen wie Wohnwaben aussehen. Unter uns liegen Friedhöfe mit Töpfereischerben übersät. Auf dem Hauptplatz von Beni Isguen finden täglich öffentlichen Versteigerung von Teppichen und anderen Gegenständen statt. Unterirdische Moschee, wo kleine Becken aus Sand stehen für die Alten, die ihre rituellen Waschungen vornehmen sollte man sich ansehen. Oder jene andere Moschee, deren ungleichmäßiges Gewölbe in einem wunderbaren blauen Licht schimmert. Man sagt, Le Corbusier hätte sich hier für den Entwurf von Ronchamp inspirieren lassen.
Diese und weitere Sehenswürdigkeiten entdeckt man durch gutes Glück bei Spaziergängen (ihre Lage ist kaum festzulegen) oder man erbittet sich die Hilfe eines offiziellen Führers.
 
Beni-Isguen
„Liebe Besucher, Palmenhain und Bewohner heißen Sie willkommen. Wir bitten Sie, unsere Stadt in Begleitung eines Führers zu besuchen.“ Mit diesen Worten empfängt der Ort den Fremden und bittet ihn nicht zu rauchen und keine Einheimischen zu fotografieren. Bis vor wenigen Jahren wurden nach Sonnenuntergang die Stadttore geschlossen und erst wieder nach dem Frühgebot geöffnet. Fremde durften nachts nicht in der Stadt bleiben. Die Einwohner heirateten nur unter sich. Den Männern, denen man begegnet sind alle freundlich und gesprächig. Es gibt auch, wie überall, viele lärmige Jungen und Mädchen. Wo sind aber die Frauen?
Der Ort wird auch heute noch von einer Mauer total umgeben. Alte Tore, die den Ein- und Ausgang zur Stadt kontrollierten, alte Türen aus Palmenholz und von einem der Wachttürme genießt man einen einmaligen Ausblick auf die Stadt und den Palmenhain, der sich mehrere Kilometer von der Stadt weg erstreckt. Zwei größere Wege führen durch die Gärten. Die Schöpfbrunnen werden heute von Motorpumpen betrieben. In die steile Felswand gehauen finden wir eine Moschee. Daneben der Friedhof. An den heißen Tagen werden Wasserkrüge vor das Haus gehängt, damit sich die Familie und Vorübergehende erfrischen können.
Mit Mut und Ausdauer haben es die Mozabiten geschaffen die harte Natur zu überwinden und sogar zu überlisten und sich einen Garten Allahs auf Erden zu schaffen. Dennoch werden auch sie verfolgt von der Sünde und sicher viele wünschen sich, dass ihre Kinder und Kindeskinder eine etwas weniger durch die strenge Moral eingeengte Lebensweise führen dürfen, ohne dass die seit tausend Jahren bestehende Gemeinschaft in Gefahr gerät.
 
Weitere Oasen der Mozabiten
Melika, die Königliche. Sehenswert ist der Friedhof mit dem Grabbezirk des Sidi Aissa und seiner Familie. Der weite freie Gebetsplatz vor dem oberen Stadttor und die hier typischen Gassen der Altstadt.
Bou Noura, steigt braun-weiß-bläulich zum Minarett empor. Man kann das Wachstum der Stadt an den verschiedenen Häuserringen nachvollziehen.
El-Ateuf, der älteste Ort an der Biegung des Oued, hat ebenfalls einen täglichen nachmittäglichen Markt. Auf dem Friedhof werden die Toten nicht begraben, sondern mit Steinen bedeckt, so dass sie in der trockenen Hitze zu Mumien werden. Durch die mit Schwibbögen überdachten Gassen gelangen wir zur alten Moschee, deren Minarett als das älteste der Region gilt.
Metlili-Chambaa
Etwa 20 km südlich von Ghardaïa liegt das Zentrum der arabischen Chaamba, Nachkommen von Beduinen, welche im 11. Jhd. Nordafrika, vom tunesischen Süden bis ins marokkanische Draa-Tal, heimsuchten. Metlili unterscheidet sich mit seinen terrakottafarbenen Mauern und seinen weißen Marabuts deutlich von den nahegelegenen Städten der Mozabiten. Die Stadt galt als Zufluchtsort vor Verfolgungen und gleichzeitig als religiösen Sitz ihrer Bruderschaften.
Die Chambaas wurden mit Hilfe Ihrer Nachbarn im Jahre 1867 von den Franzosen besiegt. Aus dieser Bevölkerung rekrutierten die Kolonialherren dann ihre saharische Kamelreitertruppe, die Meharisten, mit derer Hilfe sie in der Schlacht von Tit im Jahre 1902 die Tuareg besiegten. Die berberischen Tuareg und die arabischen Chaamba waren seit je Todfeinde und pflegten gegenseitig ihre Karawanen auszurauben. Die erwähnte Schlacht besiegelte die tödliche Feinschaft beider Völker.
Heute verdient sich die Bevölkerung ihren Lebensunterhalt mit dem Transsaharahandel. Sie sind vom Kamel auf den Lastwagen umgestiegen, machen Geschäfte mit den Mozabiten und unterhalten Handelsverbindungen mit wichtigen Städten am Niger, wie Gao, Tahoua und Niamey.
 
El Goléa
Nach einer weiteren, rund 250 km langen Durchquerung der Hammada erscheint vor uns El Goléa wie in einem Park erbaut. Eukalyptusbäume, Kiefern und riesige Tamarisken und natürlich über 200.000 kräftige Palmen umschließen die Stadt. Alle Straßen hier sind Boulevards, die Plätze reich mit Blumen geschmückt und schattig, hier findet man kein Labyrinth von gewundenen Gassen. Ein schlankes Minarett erhebt sich gegen den Himmel. An der Place de Port Saïd liegt das Zentrum für Kunsthandwerk und an der Place des Martyrs befinden sich einige Läden, die Polizei, der Daïra und eine winzige rosa Kapelle. Die Häuser sind alle in strahlendem Weiß gemalt.
Ksar bedeutet Zitadelle, El Goléa bedeutet somit die unbesiegbare Zitadelle. Die Ruinen einer alten befestigten Burg aus dem 9. Jhd., welche auf einer steilen Bergspitze liegt, überragen den Palmenhain und die Neustadt. Seit vielen Jahren ist dieser Adlerhorst, welche die Wege von und nach Süden überwachte, unbewohnt. Man sicherte sich gegen die räuberischen Chaambas, diese waren aber stärker und zerstörten die Festung. Als Heldin des Widerstandes gilt die Berberkönigin Karhaoua, das heißt die Kannibalin, weil sie während der Belagerung aus Not selbst Menschenfleisch verzehrt habe.
Im 4 km nördlich liegenden Bel-Bachir lebt bis heute eine Gemeinschaft von Schwestern des Herzen Jesus. Eine ganz weiße Kirche mit zwei Glockentürmen bildet das Zentrum des Ortes. Auf einem einsamen Friedhof ruhen die sterblichen Überreste von Charles de Foucault, dem christlichen Eremiten vom Hoggar.

 

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